kleines lexikon Weimarer Persoenlichkeiten_TLZ_homepageEin Buch als Schirm für Weimarer Geschichte

Präsentation zwischen statistischer Eleganz und bretonischer Fischsuppe

 

Leseprobe

Weimar. (tlz) Lexika haben viel mit Zahlen zu tun: Wer glaubte, ein Mensch wie Hellmuth Seemann, in der Klassik zu Hause, Präsident dieser Stiftung, scheitere daran, der irrte sich gewaltig. Er durchpflügte gestern das „Kleine Lexikon Weimarer Persönlichkeiten“ auch aus der Sicht eines souveränen Statistikers: Lexika erreichen in Deutschland die Mitte ihres Volumens üblicherweise bei dem Buchstaben L. Das ist der 12. Buchstabe in der Reihe der 26. Beim kleinen Lexikon Weimarer Persönlichkeiten weicht dieses Gesetz spezifisch ab: Schon beim Buchstaben H, Nummer 8 in der Reihe der 26, ist die Mitte erreicht.“ Die spannendste Frage? Wie wird man eine Weimarer Persönlichkeit? Statistisch wachse die Wahrscheinlichkeit, dass man ins Lexikon einziehe, auf letale Weise am glücklichsten. Zur Nachahmung sei dies nicht empfohlen.

„Chapeau!“ dachten angesichts der Zahlen-Jonglage die Gäste der Buchpräsentation im TLZ-Bistro „française“. 300 Männer und Frauen versammelt das Werk, das auf engstem Raum viele Hinweise liefert. Die Weimarer Verlagsgesellschaft, so Verleger Michael Maaß, widme sich seit Jahren in einer von der TLZ unterstützten Buchreihe Persönlichkeiten aus dem Kosmos Weimar. Maaß versprach das Erscheinen neuer Bände über Henry van de Velde, August von Kotzebue und Maria Pawlowna. „Angesichts eines abendfüllenden, ausufernden Themas aber lag es nahe, ein Buch zu veröffentlichen, das einen Schirm spannt.“

Hannes Bosse besaß bereits einen Grundstock an Biografien, Ebba Wachler ebenso, so dass Ulrich Völkel die aufwändige wie spannende Aufgabe bekam, Daten und Fakten zu sichten, neues Material zu beschaffen und als Herausgeber aufzutreten – mit Hilfe der früheren Leiterin des Weimarer Stadtarchivs, Gitta Günther, die Maaß als Spiritus Rector bezeichnete und die Mitherausgeberin des Weimar-Lexikons zur Stadtgeschichte ist.

Angesichts Weimars Janusköpfigkeit stellte Seemann natürlich die Frage, wie der Umgang mit Buchenwald erfolgte: Man könne doch davon ausgehen, dass die größte Konzentration geistiger Elite zwischen 1937 und 1945 auf dem Ettersberg zu finden war. So tauchen Namen wie Bruno Apitz und Paul Schneider auf, der katholischer Pfarrer Otto Neururer und Imre Kertész fehlten hingegen. Völkel sprach von einer fast nicht zu beantwortenden Frage, räumte aber wie Verleger Maaß ein, dass bei einer zweiten oder dritten Auflage der Band ergänzt werden könne. Jedes Nachschlagewerk verdiene einen Nachschlag. Er gab aber zu, bereits von einem Buchhändler gescholten worden zu sein, weil Nazi-Größen wie Baldur von Schirach und Friedrich Sauckel vorkämen. Auch sie gehörten zur Weimarer Geschichte, auch wenn es berüchtigte Personen seien. Und Seemann regte an, den einflussreichsten Kulturpolitiker der Moderne, Edwin Redslob, ein Wegbereiter des Bauhauses, mit aufzunehmen.

Neben den Personen, die auf Fotografien, Zeichnungen und Gemälden abgebildet sind, ergänzt ein Straßenverzeichnis das Kompendium, was von Siegfried Seifert, einem früheren Mitarbeiter der Klassik-Stiftung, gelobt wurde. „Es ist erfreulich, dass diese Tradition fortgesetzt wurde.“ Es oblag TLZ-Chefredakteur Hans Hoffmeister, die Gäste zu begrüßen: „Willkommen zu einer bretonischen Fischsuppe mit vorangehängter Buchpräsentation“, sagte er flapsig und spielte auf die Kochkünste von Hausherrin Elisabeth Leroy-Maaß an. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass das Buch zu einem erschwinglichen Preis verkauft werden kann. Er dankte deshalb auch Sparkassen-Vorstand Dieter Bauhaus.

Damit sind wir wieder bei den Zahlen und dem Statistiker Seemann: Nur 39 Frauen hätten es zu einer Weimarer Persönlichkeit gebracht. Ziehe man von diesen wiederum die zehn ab, die als Mitglieder der Monarchie zu Ruhm gelangten, sinke die Frauenquote unter zehn Prozent.

 

Torsten Büker

 

Die Rede von Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung Weimar, ist komplett unter www.tlz.de nachzulesen.

 

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