suedddeutsche-homepageIn Deutschland regiert Dr. Pangloss


 

Leseprobe

Der Mauerfall war ein großes Datum. Aber seine Folgen werden schöngeredet. Zwei Bücher melden leise Kritik an

Die deutsche Einheit soll heuer gefeiert werden, und sie wird gefeiert - nicht übertrieben, nicht nationalistisch, aber mit unbeirrbarem Willen. An den Kathedern und in Ministerialbüros, in den Redaktionen und in den Zirkeln der Einflussreichen wirkt der Geist von Doktor Pangloss: Die Vereinigung hätte nicht besser vonstatten gehen können, und folglich leben die Deutschen in der besten aller Welten. Dr. Pangloss und sein Konsilium wollen nicht mehr wahrhaben, dass sich die Umstände der Einigung nicht zuletzt aus Helmut Kohls Bedürfnis ergaben, die Weichen für seine Wiederwahl zu stellen. Dafür war der Kanzler bereit, das Schiefe geradezureden und den Deutschen vorzumachen, die Einheit würde sie nichts kosten. Sein Interesse war es nicht, sich mit Experten darüber zu beraten, wie man die Einheit zustande bringen könne, ohne dass die ostdeutsche Wirtschaft dabei zugrunde ging. Im Gegenteil: Die CDU hat damals das Vereinigungsstreben der Ostdeutschen mit aus Bonn herbeigeschafften Deutschlandfahnen und anderen Utensilien nach Kräften angeheizt.

...

Was geschieht, wenn man sich nicht in dieser Weise "politisch korrekt" verhält, mussten die Herausgeberinnen eines anderen Buches erleben. "Mein Land verschwand so schnell..." ist aus einer Lehrveranstaltung an der Universität Jena hervorgegangen: Die Studenten führten Interviews mit Ostdeutschen, die von ihrem Leben in der DDR erzählen und davon, wie sie das Ende der DDR wahrnahmen. Ursprünglich hatte die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung zugesagt, diesen Band mit sechzehn Gesprächen zu veröffentlichen. Doch das Manuskript war der Landeszentrale politisch nicht recht. Der Betreuer des Projekts monierte, dass einige Befragte Wörter wie "Kapitalismus" und "Klassengesellschaft" benutzten. Anstelle von "Kapitalismus" sollten die Herausgeberinnen das Wort "Marktwirtschaft" einsetzen, das Wort "Klassengesellschaft" dürfe überhaupt nicht vorkommen. Auch kritische Äußerungen über den Verlauf des Umsturzes 1989 und die Wiedervereinigung sollten gestrichen werden. Außerdem bemängelte die Landeszentrale, dass zu viele ehemalige SED-Mitglieder befragt worden seien. Die sechzehn Gespräche sind allesamt sehr lesenswert. Sie zeigen, was oral history vermag: Mit einfühlsamen, klugen Fragen haben die Studenten ihre Gesprächspartner dazu animiert, anschaulich darzustellen, was es hieß, in diesem Staat zu leben, der 1990 zu existieren aufhörte. Dem Weimarer Taschenbuchverlag ist zu danken, dass dies Buch am Ende doch noch erschienen ist. Übrigens: Die Bundeszentrale für politsche Bildung, die unabhängig von ihrem Ableger in Thüringen agiert, hat tausend Exemplare des Buches bestellt.

Franziska Augstein

Den kompletten Artikel finden Sie unter:

http://www.sueddeutsche.de/politik/319/489704/text/


 

 

 

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